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am 14. August

Integration ist keine Einbahnstraße

Christine Edhoffer - Meine Erfahrung mit Integration seit 2014.

Integration bau

Im Herbst 2014 folgte ich dem Aufruf des Diakoniewerks nach Sachspenden: Es war der richtige Zeitpunkt, mich von dem runden Ikea-Tisch, der mit den zwei Einlageplatten bis zu 12 Freunden Platz geboten hatte, zu trennen. Möbel, Geschirr und anderer Hausrat von meiner aufgegebenen Ferienwohnung hatten sich auf dem Dachboden gestapelt. Nichts Wertvolles, aber Erinnerungsstücke an viele Jahre geselliger Schiurlaube.
So kam ich, zugegeben auch neugierig, in die ersten beiden Flüchtlingswohnungen in Gallneukirchen, noch bevor die ersten Flüchtlinge dort ankamen. Sind sie schon da?, fragte ich Wochen später - immer noch nichts. Niemand wusste, warum. In den Medien die Bilder mit den Flüchtlingen in Zeltlagern. Im Schallerhaus sind schon Männer untergebracht. Wo ist das Schallerhaus?

Ich hörte vom Verein „Gemeinsam in Gallneukirchen“ (GiG) und auch davon, dass sich viele Leute in freiwilligen Deutschkursen engagierten. Schließlich rief ich, ein Jahr später, eine der Verantwortlichen von GiG an. Die Deutschkurse waren mittlerweile organisiert, klar, man hatte nicht auf mich gewartet. Aber es gab ein junges Mädchen, das Unterstützung in der Schule brauchte. So begann meine Arbeit mit den Flüchtlingen. Dann Neuankömmlinge am Linzerberg, erste Lektionen: Grüß Gott! Mein Name ist ... Wie geht es Ihnen?

Der Kursraum sollte im evangelischen Pfarrhaus sein. Ich musste es googeln, Hauptstraße 1, und beim nächsten Vorbeifahren schaute ich vom Auto aus, wo das genau war.

Ich war aus Linz nach Gallneukirchen gezogen. Ich hatte in Linz gearbeitet, meine Freunde lebten in Linz, mein Hausarzt und mein Friseur waren in Linz. An manchen Tagen fuhr ich drei Mal hinunter: zur Arbeit, zum Einkaufen und abends ins Theater.

So war es auch in der Pension geblieben. Gallneukirchen, das war: Mein Haus, mein Garten, meine ganz, ganz netten Nachbarn und die Hauptstraße, auf der ich durch Gallneukirchen durchfuhr.

Es blieb nicht bei: Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Sie erzählten auch ihre Geschichten, sie baten mich, sie zum Arzt zu begleiten, sie luden mich zum Essen ein. (Wo ist das Personalhaus am Linzerberg?)
Sie winkten mir auf der Hauptstraße zu, wenn ich an ihnen vorbeifuhr. Und ich begann meinerseits, unwillkürlich Ausschau zu halten nach den Frauen mit den Kopftüchern und Kinderwägen und nach den Männern mit den dunklen Haaren und den Einkaufssackerln. Ich traf mich mit vielen anderen Menschen, die sich für Flüchtlinge engagierten, in der „Villa“, im „Kowalski“, in der SOB (Was heißt das eigentlich? Wo geht man da rein?) beim GiG-Stammtisch.
Ich lernte das Flüchtlingsbüro kennen (Wo ist die Botenstraße?) und die Diakoniezentrale (einmal mehr gegooglet) und ich kam auch mit Menschen, welche nichts mit Flüchtlingen zu tun hatten, ins Gespräch: Wie sie so wären, oder ob ich mich nicht vor ihnen fürchten würde.
Jetzt, zwei Jahre später, haben sich die Aufgaben von uns Freiwilligen gewandelt. Die Asylwerber und Asylwerberinnen brauchen jetzt keine Freiwilligen-Deutschkurse mehr, außer vielleicht etwas Übung für ihre A1-, A2-, oder sogar B1-Prüfungen.
Aber ihr anfänglicher Optimismus, in Österreich schnell Fuß zu fassen und endlich mit Gewissheit im Frieden leben zu dürfen, ist gedämpft. Sie sind oft deprimiert, und das nicht nur, weil viele nach mehr als zwei Jahren noch immer kein Interview, keinen Bescheid haben.
Einige könnten z.B. eine Maurerlehre - in Mangelberufen ist das möglich - beginnen. Sie haben Aufnahmetests bestanden, aber das AMS erlaubt keine Schnupperlehre auf einer Baustelle jener Firma, welche sie vielleicht nehmen würde. Sie verstehen Österreich nicht. (Ehrlich gesagt, ich verstehe das auch nicht.)

Und für jene Flüchtlinge, welche sich über einen positiven Bescheid freuen, beginnt das selbständige Leben: Behördengänge, eine Wohnung finden, einen Arbeitsplatz.
Viele werden noch lange Hilfe brauchen. Integration, das haben sie und das haben auch wir HelferInnen inzwischen gelernt, bedeutet nicht Deutschlernen allein. Es braucht Bildung und Ausbildung für die Jüngeren, Arbeitsplätze und erschwingliche Wohnmöglichkeiten für die Familien. Und Begleitung, um die richtigen Schulen und Ausbildungen zu finden, um VermieterInnen davon zu überzeugen, dass eine Familie ordentliche Mieter sein würden, um Verträge zu erklären und zu prüfen, und sie im Reich der österreichischen Bürokratie zu unterstützen.

Das Mädchen, mit welchem ich meine ehrenamtliche Tätigkeit begonnen habe, spricht inzwischen hervorragend Deutsch, hat ihre Schulzeit beendet und sucht einen Lehrplatz als Pharmazeutisch kaufmännische Angestellte (PKA).
Das freut uns alle. Aber wie findet man einen Lehrplatz, jetzt im Sommer? Wir hätten schon früher mit ihr über ihre Berufswahl sprechen müssen. Auch wir müssen dazulernen.

Wenn ich beim Schallerhaus vorbeigehe - ich weiß jetzt, wo es ist, und ich fahre auch nicht mehr nur vorbei - , fragen mich die Bewohner, wie es mir geht. Ich sage, so als hätte ich es selber im A1-Kurs gelernt: Danke, es geht mir gut.

Ja, es geht mir gut. Ich kenne nun meinen Wohnort und habe viele Freunde und Bekannte hier, mit denen ich, wenn ich sie auf der Straße und in den Geschäften treffe, ein wenig tratsche oder auf einen Kaffee gehe. Auch mein Hausarzt und mein Friseur sind jetzt hier. Ich fühle mich in Gallneukirchen integriert.

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